20. Juni 2026 – dpa Nachrichten
Erbsenprotein steckt inzwischen in vielen Fleisch- und Milchersatzprodukten. Forscher und Unternehmen sehen darin Chancen für neue Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Land.
Vegetarische Schnitzel, pflanzliche Milchalternativen oder Proteinriegel: Produkte auf Basis von Erbsenprotein finden sich inzwischen in vielen Supermarktregalen. Forschende und Unternehmen in Sachsen-Anhalt sehen darin eine wirtschaftliche Chance für das Land. Sie arbeiten daran, den Erbsenanbau auszubauen und neue Wertschöpfungsketten rund um pflanzliche Proteine aufzubauen.
Die Agrarwissenschaftlerin Annette Deubel von der Hochschule Anhalt sieht in der Erbse eine eiweißreiche Hülsenfrucht, «die am besten zu den Standortbedingungen in Sachsen-Anhalt passt und entsprechend großes Potenzial hat».
Der Zeitpunkt kommt nicht zufällig. Immer mehr Menschen verzichten zumindest teilweise auf Fleisch. Nach dem Ernährungsreport der Bundesregierung bezeichnet sich inzwischen mehr als jeder dritte Deutsche als Flexitarier, neun Prozent leben vegetarisch oder vegan. Die Nachfrage nach pflanzlichen Eiweißquellen wächst.
Davon könnte auch Sachsen-Anhalt profitieren. Nach Angaben des Statistischen Landesamts wurden 2025 auf rund 24.900 Hektar Futtererbsen angebaut - rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Erntemenge stieg auf etwa 76.100 Tonnen und erreichte damit den höchsten Stand seit vielen Jahren.
Erbsen gelten als vielversprechende Alternative zu importiertem Soja. Ihr Protein steckt heute bereits in Fleischersatzprodukten, pflanzlichen Drinks oder proteinangereicherten Lebensmitteln. «Dadurch eignet es sich für eine breite Palette an Anwendungen – von Fleisch- und Milchalternativen bis hin zu proteinangereicherten Lebensmitteln», sagt Jesus Palomino vom Unternehmen Planteneers. Das Unternehmen entwickelt Zutaten und Rezepturen für pflanzliche Lebensmittel und ist Partner im Forschungsverbund DiP.
Die Arbeiten sind Teil des Verbundprojekts «Digitalisierung pflanzlicher Wertschöpfungsketten» (DiP). Im Zuge des Kohleausstiegs soll damit im Süden Sachsen-Anhalts eine Modellregion für nachhaltige Bioökonomie entstehen. Wissenschaftler und Unternehmen arbeiten daran, neue Produkte aus Pflanzen zu entwickeln und den Anbau mithilfe digitaler Technologien effizienter zu machen. Das Vorhaben wird mit rund 105 Millionen Euro gefördert.
Ein Teilprojekt namens DiPisum widmet sich speziell der Erbse. Ziel ist es, Anbau, Züchtung und Verarbeitung so weiterzuentwickeln, dass aus der Kulturpflanze künftig mehr Wertschöpfung in der Region entsteht.
Wie weit die Entwicklung inzwischen ist, zeigt ein Erlebnis, das dem Pflanzenforscher Vilson Mirdita vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben in Erinnerung geblieben ist. Bei einer Projektveranstaltung wurde ein Schnitzel aus Erbsenprotein serviert. «Es war sehr schwer, das Erbsenschnitzel von einem Fleischschnitzel zu unterscheiden», sagt er.
Doch der Anbau bleibt anspruchsvoll. «Die größten Herausforderungen liegen derzeit in der Wirtschaftlichkeit und der Anbausicherheit», sagt Agrarwissenschaftlerin Deubel. Die Erträge schwanken teils stark, Krankheiten können den Anbau erschweren und auch die Vermarktung ist nicht immer einfach.
Hinzu kommt ein Problem, das außerhalb der Landwirtschaft kaum bekannt ist: die sogenannte Bodenmüdigkeit. Nach dem Anbau von Erbsen müssen oft mehrere Jahre vergehen, bevor auf derselben Fläche wieder Erbsen wachsen können, erklärt IPK-Forscher Mirdita. Ursache seien Krankheitserreger und andere Belastungen im Boden.
Genau hier setzt die Forschung an. Wissenschaftler am IPK suchen nach Erbsenlinien, die robuster und ertragssicherer sind. «Wir testen sie nach Qualitäts- und Resistenzparametern, sodass man versucht, die seltenen Gene herauszufischen und neue Variationen zu schaffen», sagt Mirdita.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Anpassung an Trockenheit. «Vor allem hier in Sachsen-Anhalt kommt die Trockenheit häufig schon im Frühsommer», sagt Mirdita. Die Forschung könnte dabei künftig von einer Lockerung der EU-Regeln für bestimmte gentechnische Verfahren profitieren. Befürworter erhoffen sich dadurch schneller verfügbare klimaresistente Sorten.
Um geeignete Pflanzen schneller zu finden, setzen die Forscher auf digitale Methoden. Drohnen erfassen auf den Versuchsfeldern Daten zu Wachstum und Krankheitsbefall. «Wichtige Eigenschaften wie Stressresistenzen können besser vorhergesagt und gezielter ausgewählt werden», erklärt Mirdita.
Auch in der Verarbeitung sollen digitale Verfahren helfen. Ziel ist es, Rohstoffe und Prozesse stärker zu standardisieren und eine gleichbleibende Qualität zu erreichen.
Die Hoffnung reicht dabei weit über den Acker hinaus. «Durch moderne Erbsenzüchtung können neue Wertschöpfungsschritte entstehen», sagt Mirdita. Langfristig könnten dadurch neue Unternehmen und Arbeitsplätze entstehen – etwa wenn pflanzliche Lebensmittel künftig stärker in der Region hergestellt werden.
Gute Voraussetzungen dafür seien vorhanden. Sachsen-Anhalt verfüge über große Agrarbetriebe und eine dichte Forschungslandschaft. «Diese Kombination aus Praxis, Forschung und Innovationsdruck bietet ein günstiges Umfeld für neue Entwicklungen», sagt Deubel.
Ob die Erbse tatsächlich zu einem wichtigen Baustein des Strukturwandels wird, bleibt offen. Die Nachfrage nach pflanzlichen Proteinen wächst jedoch – und damit auch die Chancen für eine Kulturpflanze, die lange im Schatten anderer Ackerkulturen stand.