16. August 2026 – dpa Nachrichten
Rund 4.000 Jahre alte Grabgruben geben Forschern im Saalekreis Rätsel auf. Die Toten waren entlang eines Weges aufgebahrt – was hat es mit dem Abschiedsritual auf sich?
Archäologen haben bei Dachritz (Saalekreis) eine außergewöhnliche 4.000 Jahre alte Gräbergruppe aus der Glockenbecherkultur entdeckt. In drei Grabgruben fanden sie die Überreste von insgesamt sieben Menschen. Nur ein Toter war als Einzelbestattung niedergelegt worden. In der benachbarten Grabstelle lagen zwei erwachsene Personen und im dritten Grab befanden sich vier Individuen: drei Kinder und ein Erwachsener. Die Grabungen finden im Vorfeld des Netzausbaus der Gleichstromtrasse «Südostlink» statt.
Die Toten der Glockenbecherkultur wurden üblicherweise in stark gehockter Stellung mit Blick nach Osten beigesetzt. Ihren Namen verdankt die Kultur den charakteristischen, glockenförmigen Keramikgefäßen. Diese wurden den Toten häufig mit Nahrungsmitteln gefüllt als Beigaben mit ins Grab gelegt.
Die Gräber von Dachritz sind etwas Besonderes. Sie lagen entlang eines Weges, der bis zur Spitze einer Landzunge führte, die weit in eine Auenlandschaft hineinragte. Ungewöhnlich ist vor allem die Abweichung von der üblichen Bestattungspraxis: Mehrere Personen wurden gemeinsam in etwa 1,20 mal 2,40 Meter großen Grabstellen niedergelegt. Tassen, Becher und Schalen befanden sich im Grab. Ein aus verdichtetem Lehm aufgebautes etwa 30 Zentimeter starkes Bauelement zwischen den beiden großen Grabgruben bildete offenbar die Basis einer Wand. Beide Mehrfachbestattungen waren möglicherweise überdacht.
«Der Komplex erinnerte in seiner Größe an eine zeitgleich, ebenso im Nahbereich eines Gewässers errichtete Konstruktion bei Mose (Bördekreis). Dort hatte das Bodenmilieu jedoch alle weiteren Überreste zersetzt», sagte die Abteilungsleiterin Susanne Friederich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle.
Bei Dachritz waren die Toten möglicherweise an anderer Stelle verunglückt. Für ein Abschiedsritual brachten ihre Angehörigen sie wohl auf die topographisch herausragende Stelle. Die Körper der Toten befanden sich zwar noch im anatomischen Verband, gleichzeitig hatte aber teilweise bereits die Verwesung eingesetzt. «Die mit dem gut erhaltenen Lehmfundament zwischen den beiden Mehrfachbestattungen angezeigte aufgehende Konstruktion lässt eine Überdachung erahnen», sagte Friederich. Diese könnte die Verstorbenen noch einige Tage vor Regen und anderer Witterung geschützt haben.
Geplant ist, die gesamte Anlage im Block zu bergen und anschließend in der Restaurierungswerkstatt des Landesmuseums wissenschaftlich zu untersuchen. Die Stromtrasse ist rund 540 Kilometer lang und soll von Wolmirstedt bei Magdeburg bis zum Standort Isar bei Landshut in Bayern führen.