26. August 2026 – dpa Nachrichten
Wenn keine Erben da sind oder das Erbe ausgeschlagen wird, gehen Häuser, Gegenstände und selbst Tiere an das Land. Wie geht das eigentlich, wenn der Staat erbt?
Die Brechstange hat André Wiechmann immer dabei, wenn er sich die neuen Erbstücke des Landes anschaut. Und tatsächlich: Auch heute, mitten in einem Dorf in der Börde, ist das Metalltor nicht leicht zu öffnen. Schon länger ist niemand hier hinein- oder hinausgegangen. Der vormalige Besitzer ist gestorben, Erben gibt es nicht. Und so ist die Immobilie an das Land Sachsen-Anhalt gefallen - wie Hunderte andere jedes Jahr auch.
André Wiechmann gehört zu den Männern und Frauen bei der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt, die die Immobilien an den Markt bringen sollen. Aber bis Wiechmann mit den Käufern beim Notar sitzt, vergeht noch viel Zeit. Der Hauptsachbearbeiter wird sich heute durch wucherndes Grün, Staub- und Spinnenweben bewegen, wird genau auf einsturzgefährdete Decken achten und auch auf möglicherweise Wertvolles wie Sparbücher, Geld oder Urkunden.
«Im besten Fall haben wir die Schlüssel», sagt Wiechmann. Andernfalls holt er einen Schlüsseldienst oder öffnet Türen und Tore selbst. «Wir achten auch darauf, ob jemand im Objekt drin ist.» Leerstehende Häuser oder Wohnungen werden eben durchaus auch von Fremden genutzt. Das Wichtigste aber ist die eigene Sicherheit: Bei einsturzgefährdeten Gebäuden heißt es draußen bleiben.
Es gibt für ihn eindeutige Alarmzeichen. Wenn im Fenster schon unzählige Fliegen zu sehen seien, «da will ich dann nicht rein». Mit Messihäusern habe er es oft zu tun, voll mit Müll und nicht nur das. Er berichtet von Räumen voll mit Urinflaschen oder Exkrementen. «Zum Teil holen wir erstmal einen Tatortreiniger.»
Und auch bei Tieren sei Vorsicht geboten. Wiechmann berichtet von einem vier Meter langen Krokodil, das in drei Räumen gelebt habe. Er und seine Kollegen erleben viele Überraschungen.
Hier, in dem Haus an der Dorfstraße mit Kopfsteinpflaster, befand sich eine Gaststätte. André Wiechmann hat die Schlüssel. Er geht durch die voll gestellte ehemalige Küche in den einstigen Gastraum, achtet genau darauf, wo er hintritt.
Die meisten Rollläden sind unten. Es dringt nur wenig Tageslicht in den holzverkleideten Raum. In der Mitte steht ein großer Kachelofen, darauf ein paar Gläser. Drumherum liegen Rohre auf dem Boden, stehen Stühle und Tische, über einem Schrank hängt eine alte, braune Lederjacke. Alles ist staubig.
Rote und blaue Lampen über dem verstaubten Tresen verleihen dem Raum Farbtupfer. Sein Urteil lautet: «Wirtschaftlich ist das nicht sanierbar. Es geht am Ende um den Grundstückswert und den Abbruch.»
Auf dem Gelände hinter dem Hauptgebäude wurden Pferde gehalten - davon zeugen Ställe, Kutschen, Sättel auf dem Dachboden. In einem Zimmer direkt über der Gaststätte, in dem offenbar jemand wohnte, findet sich alte Post eines Züchterverbandes und ein Pferdeimpfpass. Daneben Schallplatten, Fotos, eine Geldbörse. In einem Wohnzimmer nebenan liegt auf der Couch noch eine Decke. Die Wanduhr ist stehengeblieben. Die Tapete löst sich. Ein Kühlschrank steht offen. In einem weiteren Zimmer wird Wiechmann zahlreiches Reitzubehör und Wimpel finden. André Wiechmann ist mittendrin in den Resten eines Lebens, von dem er kaum etwas weiß.
Sachsen-Anhalt erbt, wenn keine regulären Erben zu ermitteln sind oder das Erbe ausgeschlagen wird. Voraussetzung ist zudem die Entscheidung eines Nachlassgerichts. Im vergangenen Jahr gab es laut Finanzministerium 624 solcher Fälle. Die Tendenz war in den letzten Jahren steigend. Zusammen werden aktuell gut 3.300 dieser sogenannten Fiskalerbschaftsfälle betreut und bearbeitet. Mehr als 1.550 Liegenschaften sind damit verbunden.
Da das Land Sachsen-Anhalt erbt wie jede natürliche Person, gehe es beispielsweise auch um Bankguthaben, Wertpapiere, Sammlerstücke, Möbel, Kfz jeglicher Art, Gemälde, Schmuck, Uhren, Münzen, Waffen und Tiere.
Der finanzielle Ertrag des Landes ist übersichtlich: Laut dem Finanzministerium standen im vergangenen Jahr Einnahmen von rund 4,87 Millionen Euro knapp 2,7 Millionen Euro Ausgaben für den Unterhalt gegenüber.
Wiechmann, der ursprünglich aus dem Notariat kommt und diesen Job hier seit vier Jahren macht, fotografiert die Objekte von außen und innen. Er liest die Zählerstände ab, um mit den Versorgungsunternehmen abrechnen zu können. Denn am Ende geht es darum, die Objekte zu verkaufen. «Zurzeit stehen die Chancen gut», sagt er. Die günstigen Preise lockten Privatleute wie auch gewerbliche Interessenten. Los gehe es ab einem Euro, auf die neuen Besitzer kommen dann die Kosten für die Entsorgung und den Abbruch zu.
Wenn André Wiechmann hier heute auch in Arbeitskluft steht, meist ist sein Job einer am Schreibtisch. Viele Objekte seien stark belastet mit Hypotheken, Zwangssicherungshypotheken. Kosten laufen auf etwa von Zweckverbänden, manchmal bestehen andere Verbindlichkeiten etwa bei Nachbarn. «Wir müssen die Ansprüche klären.» Das ist nicht einfach, denn teilweise liegt der Tod der ehemaligen Eigentümer Jahre zurück.
Conny Grosche von der zuständigen Fachaufsicht im Finanzministerium betont, dass das hier eine sinnstiftende Aufgabe ist. «Wir versuchen alles unter Dach und Fach zu bringen.» Der Staat komme hier seiner Ordnungsfunktion nach und kümmere sich. «Es soll verhindert werden, dass es herrenlose Grundstücke gibt», so Grosche. Auch um Rechtsfrieden mit den Nachbarn gehe es.
Im Durchschnitt könne man die Fälle binnen zweieinhalb Jahren abschließen, sagt die Ministeriumsmitarbeiterin. Teils dauere es aber eben auch mehrere Jahre. Der älteste nicht abgeschlossene Erbfall gehe bis in die Mitte der 1990er Jahre zurück.
Es könnte aber eben auch noch komplizierter sein: dem Land sei beispielsweise einmal ein Antikladen zugefallen, «vollgestopft mit allem möglichen», erzählt Grosche. Es seien Gegenstände auf Kommission dort gewesen, die Eigentümer hätten also erst bei einem Verkauf Geld erhalten.
Zu den besonderen Fällen habe auch ein Angelladen mit 400 Quadratmetern Fläche gehört, mit vielen Forderungen und Verbindlichkeiten. Ein Insolvenzverwalter wurde eingeschaltet. Am Ende gab es ein gutes Ergebnis: Ein Interessant übernahm den Laden eins zu eins, sagt Grosche.