26. August 2026 – dpa Nachrichten

Schiedsrichter

Hempel steigt auf: Sozialarbeiter pfeift jetzt Bundesliga

Ein Fußballspiel zu leiten, sei wie 90 Minuten Sozialarbeit, sagt der Schiedsrichter Richard Hempel. Der 28-Jährige muss es als studierter Sozialarbeiter wissen. Künftig pfeift er in der Bundesliga.

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Der aus Ostsachsen stammende Richard Hempel leitet in der neuen Saison erstmals Spiele in der Bundesliga.

Der Auftakt in die neue Saison begann für Fußball- Schiedsrichter Richard Hempel mit einem stark umkämpften Match. Das Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen den Karlsruher SC war trotz Torflaute alles andere als eine Nullnummer. «Ich mag es, wenn Derby-Charakter in einem Spiel ist, die Spieler sich aneinander reiben. Aber natürlich gibt es irgendwann Grenzen», sagt der Referee im Rückblick. Nach 25 Minuten hatte der 28-Jährige schon vier Gelbe Karten verteilt. Die Hektik legte sich. Im Anschluss bekam er von Fans und auch von FCK-Trainer Torsten Lieberknecht viel Lob.

Für Hempel, der aus einer kleinen Ortschaft in Ostsachsen stammt, ist die neue Saison zugleich mit einem Aufstieg persönlicher Art verbunden. Während er bislang nur als Vierter Offizieller die Luft der höchsten Spielklasse schnuppern konnte, wird er fortan hier auch Spiele leiten. «Bundesliga, das ist ein Traum», sagt der studierte Sozialarbeiter, der zugleich als Deeskalationstrainer arbeitet. «Es ist ein schönes Gefühl, zu den 22 besten Schiedsrichtern in Deutschland zu gehören und sagen zu können: Ich darf Bundesliga pfeifen - unglaublich.»

Der Erfolg Hempels kommt nicht von ungefähr. Schon mit 12 Jahren pfiff er sein erstes Match und arbeitete sich Spielklasse für Spielklasse nach oben. Spätestens als er in der Regionalliga Partien leitete und zugleich Assistent in der 3. Liga wurde, reifte in ihm der Entschluss, die «Schiedsrichterei» professionell zu betreiben. Ende der vergangenen Saison gab es exakt 63.222 in Deutschland - das dritte Jahr in Folge eine Steigerung. Abgesehen vom Berliner Daniel Siebert ist Hempel neben dem Rostocker Bastian Dankert der einzige Schiri aus Ostdeutschland, der momentan Bundesliga pfeift.

Hempel beschreibt seine Spielleitung scherzhaft mit «Zuckerbrot und Peitsche». Tatsächlich ist aus den Aufzeichnungen seiner RefCam - einer am Headset befestigen Mini-Kamera - zu sehen, wie er beim Spiel FCK gegen KSC auf Spieler einwirkt. Einen Akteur lobt er für seinen fairen Einsatz. Bei einem anderen fällt ein robuster Ausdruck. Aber auch mit diesem Kicker kommt Hempel wenig später auf diese Spielszene zurück und versucht das klärende Gespräch, warum er so reagiert hat. Die Spieler sollen wissen, wie Hempel tickt, er möchte in erster Linie ein Ansprechpartner und Vermittler sein.

Deshalb pflegt er auf dem Rasen das «Du». Wenn ein Spieler oder Trainer das nicht möchte, hat er kein Problem damit. Bei seinen bisherigen Einsätzen in der 3. Liga und der 2. Bundesliga hat er sich damit Respekt und Anerkennung verschafft. «Ich wünsche mir, dass bei einigen Spielern irgendwann der Gedanke da ist: 'Heute kommt der Richie, dann weiß ich, was ich machen darf und was nicht. Ich weiß aber auch, dass wir cool miteinander kommunizieren können.» Er wolle auf jeden Fall als ein Referee erscheinen, «mit dem man reden kann» und der nicht als Feindbild wahrgenommen wird.

Ganz sicher hilft Hempel dabei sein körperliches Erscheinungsbild. Mit fast zwei Meter Körpergröße überragt er meist alle anderen auf dem Feld. Aber nicht nur deshalb geriet er 2016 ins Blickfeld des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Bereits als 18-Jähriger pfiff er bei einem U18-Sichtungsturnier in Duisburg. «Richard Hempel hat in der 2. Bundesliga ausgezeichnet performt. Deshalb hat er sich den Sprung in die Bundesliga und das damit verbundene Vertrauen redlich verdient», sagt Knut Kircher, Geschäftsführer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH.

Als er von seiner Berufung für die Bundesliga telefonisch unterrichtet wurde, stand er gerade in der Küche und bereitete das Abendessen vor. «Es war schön, das zu hören, weil in diesem Moment ein Traum von mir wahr wurde», bekennt Hempel. Er habe zuerst gar nicht gewusst, wohin mit allen Emotionen und sofort auch die Familie informiert. An der Seite seines Vaters hatte Hempel als Kind einst die Schiedsrichterei in ihren Grundzügen erlernt. Den Sommer hat er bei einem Italien-Urlaub genutzt, um Kraft für die neue Saison zu tanken. Ein Schiri muss nicht nur hellwach, sondern auch fit sein.

Da sie keine Spiele von Mannschaften aus ihrer eigenen Region leiten dürfen, wird Hempel nur bei RB Leipzig nicht zum Einsatz kommen. Der DFB will damit jeden Verdacht auf Befangenheit und Zweifel an der Unparteilichkeit der Referees verhindern. In seiner Rolle auf dem Rasen fühlt sich Richard Hempel immer auch wie ein Psychologe. Doch nicht nur bei Spielern unterscheidet er zwischen unterschiedlichen Typen. Dass es auch in der eigenen Zunft verschiedene Charaktere gibt, hat er zuletzt bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko beobachten können.

Die Kollegen aus Südamerika etwa müssten sich in ihren nationalen Ligen teilweise körperlich durchsetzen, weiß Hempel. «Die sind ganz andere Spannungen im Spiel gewöhnt als wir.» Die US-Amerikanerin Tori Penso, die das Spiel Deutschland gegen Ecuador (1:2) leitete und sich den Unmut des früheren Bundestrainers Julian Nagelsmann zuzog, hat Hempel beeindruckt. Sie habe trotz des extremen Drucks, der auf ihr lastete, viel gelächelt und sei für die Spieler nahbar geblieben. «Ich finde es cool, die verschiedene Umgangsweisen mit Spielern zu sehen - von total distanziert bis sehr körperlich.»

Auch mit Blick auf die regeltechnischen Änderungen fand Hempel die WM spannend. Den Fünf-Sekunden-Countdown bei Einwürfen und Abstößen mache das Spiel spürbar schneller. Das Learning bei den Spielern funktioniere schnell. «Wenn sie angezählt wurden, haben sie den nächsten Einwurf schneller gemacht. Das ist eine Regeländerung, die uns Schiedsrichtern absolut entgegenkommt.»

Ohnehin bleibe ein Schiedsrichter gedanklich immer in Bewegung, weil er neue Regeln anwenden müsse, meint Hempel. Den Video Assistent Referee (VAR) empfindet er als eine Art Reservefallschirm. Die Arbeit im Video-Assist-Center sei sehr anspruchsvoll. Hempel hat in einem Trainingslager selbst einmal die Rolle übernommen. «Da hat man Bildschirme mit acht Kameraperspektiven. Ich hatte Puls ohne Ende - und dabei war das nur eine Übungssituation. Ein Operator hat mir gezeigt, wo ich noch hinschauen sollte, das hatte ich gar nicht mitbekommen. Es ist wirklich anstrengend.»

Hempel hält die heute existierenden technischen Hilfsmittel eines Schiedsrichters für ausreichend. Vielleicht wäre der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) bei der Bewertung von Handspiel noch ein mögliches Tool. Ansonsten fühle er sich auf dem Feld gut ausgerüstet. Man habe die halbautomatische Abseitserkennung, Torlinientechnik und den Videoassistenten im Hintergrund. Dass KI eines Tages das Amt des Schiedsrichters ersetzt, kann sich Richard Hempel nicht vorstellen. «Keiner will, dass nur noch Kameras und Monitore bewerten. Am Ende muss der Mensch entscheiden.»

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