11. August 2026 – dpa Nachrichten
Trotz rekordverdächtig niedriger Pegelstände bleibt das große Fischsterben aus – warum Angler trotzdem weiter bangen, teils Angelverbote bestehen und Naturschützer Maßnahmen fordern.
Niedrige Flusspegelstände und anhaltend hohe Temperaturen haben in Sachsen-Anhalt bislang noch nicht für ein größeres Fischesterben in Gewässern gesorgt. Ein sogenannter Fischnotfallanhänger, mit dessen Hilfe abgefischte Bestände transportiert oder Frischwasser in gefährdete Gewässer gepumpt werden kann, sei bislang von keinem Mitgliedsverein angefordert worden, sagte Martin Schwabe, Sprecher des Landesanglerverbands (LAV) in Sachsen-Anhalt, der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist eigentlich ein ganz gutes Zeichen. Ich hoffe, dass das auch so bleibt.»
Für eine Entwarnung sei es allerdings zu früh. Bereits während der ersten Hitzetage im Juli hätten mehrere Vereine für Gewässer mit besonders gestressten Fischbeständen Angelverbote ausgesprochen, die zum Teil immer noch nicht aufgehoben worden seien, so Schwabe.
Für die Fischbestände seien kurzfristig vor allem sinkende Temperaturen hilfreich, so der Experte. Denn abrupt hohe Regenmengen könnten für die Gewässer aktuell sogar nachteilig sein. Der Grund: Nährstoffe - etwa aus der Landwirtschaft und aus städtischen Kanalisationen - könnten dann vermehrt in die Gewässer gespült werden und so für mehr Algenwachstum sorgen, was wiederum den Sauerstoffgehalt im Wasser weiter sinken lassen könnte.
Die Elbe hat am Montag in Magdeburg einen rekordverdächtig niedrigen Pegelstand von 39 Zentimetern erreicht. Derart niedrige Pegelstände führten dazu, «dass die Gewässerqualität sich wirklich dramatisch verändert in Bezug auf Temperatur und Sauerstoffgehalt», sagte Jens Richter, Geschäftsführer des Nabu-Landesverbandes Sachsen-Anhalt. Die Anreicherung mit Nährstoffen nehme zu, da diese bei sinkenden Pegelständen weniger verdünnt werden. Damit nehme die Veralgung der Gewässer zu.
Praktisch flächendeckend sind die Pegel in Sachsen-Anhalts Flüssen derzeit auf niedrigstem Niveau, sagt Friedemann Gohr, Geschäftsbereichsleiter Gewässerkundlicher Landesdienst im Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW). «Wir befinden uns unterhalb des mittleren Niedrigwassers. Das ist der gemittelte Niedrigwasserstand über die letzten 30 Jahre. Und das haben wir sozusagen flächendeckend.» Kleinere Gewässer wie die Eine in Stangerode (Kreis Mansfeld-Südharz) und die Steinerne Renne im Harz führten teils nur noch wenige Zentimeter Wasser und stünden kurz davor, historische Tiefststände zu erreichen.
Zwar gebe es Messungen der Wasserqualität im Jahresverlauf. Ein kleinteiliges Monitoring bei niedrigem Pegel im Sommer gibt es abseits der Elbe allerdings nicht. Klar sei aber, dass die aktuelle Situation zu mehr Stress für heimische Fischarten wie der Bachforelle führe, die kältere Temperaturen bevorzugt.
Helfen könnte aus Sicht der Naturschützer unter anderem die Renaturierung von Flussauen, die heute oftmals durch Deiche von den Flüssen getrennt sind. «Damit fehlt ein erheblicher Teil ihrer natürlichen Speicher- und Pufferfunktion. Geringere oder ausbleibende Schmelzwasserzuflüsse verschärfen die Lage zusätzlich», so Katja Alsleben, Nabu-Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt.
LAV-Experte Schwabe sieht es ähnlich: «Wir müssten eigentlich die Habitate dahin bringen, dass sie Anforderungen zur Verfügung stellen, die unseren heimischen Fischarten gerecht werden.» Konkret bedeute das zum Beispiel, für mehr Verschattung an Gewässern zu sorgen, etwa durch Baumpflanzungen. Vor Ort träfen dann allerdings die Interessen von Pächtern, Eigentümern und der Wasserbehörde aufeinander. Bei großen Gewässern kommen Themen wie der Hochwasserschutz und die Beschiffbarkeit hinzu.
LHW-Experte Gohr zufolge ist ein Umdenken nötig: «Man muss sich zukünftig Gedanken machen, wenn Niederschläge fallen, wie man die in der jeweiligen Region länger zwischenspeichert.» Ein Mittel könnte die Renaturierung von Flussläufen sein. «Wenn man den Lauf verlängert, fließt das Wasser langsamer ab, bleibt länger in der Region und kann versickern.» Wo das nicht möglich sei, könnten Stauanlagen ertüchtigt werden. «Das ist sozusagen so ein Komplex von Maßnahmen, der zukünftig sicherlich stärker eine Rolle spielen wird.»