15. Juli 2026 – dpa Nachrichten

Sachsen-Anhalt

«Auferstanden aus Ruinen»: DDR-Hymne bei AfD-Veranstaltung

Es ist ein Abend, der für Diskussionen sorgt: In Dessau-Roßlau wird bei einer AfD-Veranstaltung die DDR-Hymne gefeiert, ein Kabarettist provoziert – und im Publikum gibt’s Beifall.

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Chrupalla und Siegmund lächelten und sangen teilweise gemeinsam mit den Besuchern die DDR-Hymne.

Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat das Singen der DDR-Nationalhymne auf einer AfD-Veranstaltung eine Debatte über den Umgang mit der DDR ausgelöst. Zugleich sorgte der dortige Auftritt des Kabarettisten Uwe Steimle für Aufsehen. Wegen verunglimpfender Aussagen über die CDU-Politiker Friedrich Merz und Angela Merkel hat die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau nun Ermittlungen gegen den Kabarettisten Uwe Steimle eingeleitet.

AfD-Co-Chef Tino Chrupalla hatte am Dienstagabend in Dessau-Roßlau zum Ende der Podiumsdiskussion dazu aufgerufen, die deutsche Nationalhymne zu singen. «Das machen wir immer in Sachsen-Anhalt», sagte Chrupalla.

Der Kabarettist Steimle, der als Gast geladen war, stimmte daraufhin die DDR-Nationalhymne «Auferstanden aus Ruinen» an. Chrupalla versuchte noch einzuschreiten und sagte: «Die andere.» Doch Steimle sang weiter und viele der Besucher stimmten ein. Chrupalla und der sachsen-anhaltische AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund lächelten zunächst und sangen schließlich ebenfalls zumindest Teile der Hymne mit. Im Anschluss daran wurde auch noch die deutsche Nationalhymne gesungen.

Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht dazu. Chrupalla sagte der «Jungen Freiheit», er verstehe nicht, wie «unentspannt» darauf reagiert werde. «Es wird alles zum Skandal erhoben. Keiner kann mehr lachen und alles muss bierernst sein. Wer mit Uwe Steimle eine Veranstaltung macht, weiß, was kommt. Es ist mit ihm mal so erfrischend anders.» Chrupalla ergänzte: «Der Text der DDR-Hymne, den wir nicht singen durften, ist grandios und passt auch heute noch.»

Laut der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde das Lied ab 1972 in der DDR nur noch in seiner instrumentalen Fassung gespielt. Der DDR-Führung sei die Passage «Deutschland, einig Vaterland» politisch zu heikel geworden, hieß es.

In den sozialen Netzwerken wird der Abend kontrovers diskutiert. Viele üben deutliche Kritik. «Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass hier noch mal die DDR-Hymne so gefeiert wird», sagte der sachsen-anhaltische FDP-Fraktionschef Andreas Silbersack. In der DDR seien Menschen drangsaliert worden, das System sei übergriffig gewesen. «Es war eine Diktatur. Das scheinen heute einige zu vergessen.»

Auch die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt übte Kritik. «Es handelt sich nicht um ein beliebiges historisches Lied, sondern um die Nationalhymne eines Staates, der politische Gegner verfolgte und seinen Bürgerinnen und Bürgern grundlegende Freiheitsrechte vorenthielt», sagte Stiftungsdirektor Kai Langer. Sachsen-Anhalts Aufarbeitungsbeauftragter Johannes Beleites zeigte sich irritiert. «Das ist eine Missachtung der Opfer der SED-Diktatur und eine Geringschätzung der Menschen, die für Freiheit und Demokratie ihr Leben riskiert oder lange Haftstrafen in Kauf genommen haben», so Beleites. Siegmund und Chrupalla hätten die Möglichkeit gehabt, hier einzugreifen, sagte er.

«Ich finde das extrem befremdlich. Und es gilt insbesondere dann, wenn das von politischen Repräsentanten gemacht wird, die damit ja ganz offensichtlich auch politische Botschaften verbinden möchten», sagte Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) dem Sender Welt TV.

Steimle hatte sich in der Veranstaltung auch abfällig über Kanzler Friedrich Merz und Altkanzlerin Angela Merkel (beide CDU) geäußert. Über das neue Porträtbild von Merkel sagte Steimle, die frühere Kanzlerin habe sich für eine Darstellung im Stehen entschieden, «weil sie ahnt, sie wird bald sitzen». Er schob hinter: «Im Moment hängt sie erst mal.» Und wenn der Nagel breche, «dann stellen wir sie an die Wand. Also uns wird schon was einfallen.» Es gab Beifall aus dem Publikum, widersprochen wurde den Aussagen nicht.

Steimle legte nach: «Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal, wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht.» Claus Schenk Graf von Stauffenberg war ein deutscher Wehrmacht-Oberst und zentraler Kopf des militärischen Widerstands gegen Adolf Hitler. Er ist vor allem bekannt für das gescheiterte Bombenattentat auf Hitler am 20. Juli 1944.

Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau ermittelt nun gegen Steimle. Man habe ein Verfahren nach Paragraf 126 des Strafgesetzbuchs eingeleitet, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft und bestätigte damit Informationen des «Spiegels». Dabei geht es um die Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten.

Als Schauspieler wurde der Dresdner Steimle einem breiten Publikum unter anderem als Kommissar Jens Hinrichs in der Fernsehserie Polizeiruf 110 bekannt. Der MDR beendete 2019 die Zusammenarbeit für die Sendung «Steimles Welt», nach dem Steimle mehrfach öffentliche Vorwürfe gegen den Sender gerichtet hatte. Während der Corona-Pandemie hatte er sich zudem mehrfach kritisch zu Eindämmungsmaßnahmen geäußert.

Die AfD in Sachsen-Anhalt teilte auf Anfrage mit, der Abend sei eine «gelungene Veranstaltung mit Hunderten begeisterten Teilnehmern» gewesen. Ein Sprecher sprach von einem bewussten Mix aus Realpolitik mit Beiträgen von Chrupalla und Siegmund sowie Satirebeiträgen von Steimle. Steimles Singen der DDR-Hymne sei als Teil seines Kabarettprogramms dargeboten worden. «Gemeinsam gesungen wurde am Ende der Veranstaltung ausschließlich die gesamtdeutsche Hymne.»

Chrupalla, Siegmund und Steimle hatten bei der Podiumsdiskussion in Dessau-Roßlau über das Thema Frieden debattiert. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September statt.

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