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Radio Brocken Sachsen-Anhalt-Reporter Simon Dietze in Andershausen

Herzlich willkommen heißt es für Kinder vom 15. bis 18. Mai 2018 an den Toren von Andershausen. Andershausen ist eine kleine Enklave in der Welterbestadt Quedlinburg auf dem Gelände des Ökogartens in der Wipertistraße. Kinder leben und arbeiten vier Tage in einer Stadt - ohne Erwachsene. In unterschiedlichsten Berufen verdienen sie das Geld, dass sie für ihren Alltag benötigen.

Andershausen ist ein besonderer Ort.

Zum 14. Mal übernehmen Kinder das Zepter. Erwachsene dürfen nur mit einem Visa für 30 Minuten in die Kinderstadt. Hier leben Kinder verschiedene Institutionen, Einrichtungen und Unternehmen einer Stadt kennen. Standesamt, Bank, Polizei, Einwohnermeldeamt, Arbeitsamt, Feuerwehr, Vereinshaus, Müllabfuhr, Beautyfarm, Baumarkt und andere Einrichtungen und Unternehmen gehören zum modellhaften Stadtstaat Andershausen. Die Kinder haben die freie Wahl und können entscheiden, ob sie arbeiten gehen, das Geld sparen oder sich etwas leisten wollen. Die sich daraus ergebenen Zusammenhänge wie Berufsalltag, Arbeitslosigkeit, Vereinsleben, Dienstleistungen, Demokratieentscheidungen werden auf spielerische Art vermittelt.

Um in die Stadt zu gelangen, die mittlerweile so groß ist wie drei Fußballfelder, müssen alle Kinder zuerst in das Einwohnermeldeamt. Dort erhalten sie einen Ausweis und von einem Passbildmaler wird ein Portrait gezeichnet. Erwachsene müssen ihr Einreisevisum (für eine halbe Stunde) kaufen. Die Jobbörse ist der erste Anlaufpunkt. Hier warten auf die Kinder 120 Jobs, Tischlerin, Koch, Bäckerin, Tierpfleger, Fußballtrainerin, Müllfahrer, Verkäuferin, Kosmetiker, Polizistin, Arzt und viele mehr. Wer zuerst auf die Universität geht und dort eine Prüfung ablegt, kann im Anschluss einen höheren Verdienst erzielen. Zahlungsmittel in Andershausen ist der „Quedel“. Er wird von Kindern jährlich neu entworfen. Nach einer halben Stunde der Berufstätigkeit steht das Kind vor der Entscheidung, die verdienten Quedel im Laden, im Restaurant, auf dem Standesamt, in der Fahrschule, im Zirkuszelt, im Tattoostudio, im Frisörladen…auszugeben.

Radio Brocken Sachsen-Anhalt-Reporter Simon Dietze hat sich Andershausen mal aus der Nähe angeschaut.

In der Zeit der Kinderstadt wird ein Fachwerkhaus von den Kindern gebaut.

Die benötigten Lehmziegel werden zuvor von ihnen selbst hergestellt. Das Richtfest wird voraussichtlich am letzten Tag der Kinderstadt zünftig gefeiert. Es gibt Werkstätten der Glasmalerei. Angebote wie: Capoeira, chinesischer Schwerterbau, Impro-Theater, grüne Smoothies, schwebende Gärten, Schokoladenfabrik, Yoga, Bauchtanz, Kräutersalben usw. können die Kinder als Tätigkeit (bezahlen sie mit Quedel) bzw. als Arbeit (erhalten sie Quedel) erleben. Eine Großküche sichert die Versorgung der Einwohner von Andershausen. Auf offenem Feuer und in riesigen Töpfen kochen die Kinder täglich vierhundert Mittagessen. Gleich daneben können sie Cocktails kreieren oder eine selbstgebackene Waffel verschlingen. Neben Reiseeindrücken können die Kinder zudem noch beutelweise Gekauftes und Selbsthergestelltes mit nach Hause nehmen.

Die Kinder (er)leben in Andershausen ihre Rechte und Pflichten.

Sie sind in ihren Entscheidungen frei. „Wenn ich mehr Geld verdienen will, muss ich an der Uni studieren. Prüfungen ablegen, um dann vielleicht im Gesundheitsamt als Arzt/Ärztin zu arbeiten. Wenn ich die Bank überfalle, dann lande ich im Gefängnis“, so lauten einige Optionen. Die Kinder lernen eigene Entscheidungen zu treffen, müssen aber auch mit den daraus ergebenden Konsequenzen leben.

Erstmals wird eine große Kirche gebaut.

Eine Performancewerkstatt wird eröffnet und die Lyonel-Feininger Galerie bekommt eine Außenstelle in Andershausen. Kreativangebote wie Schmuckwerkstatt und Brennmalerei ergänzen das Angebot.

So erarbeiten sich die Kinder mittels Rollenspiel einen gesunden Umgang miteinander und leben und arbeiten gemeinsam über einen längeren Zeitraum mit anderen Kindern, mit behinderten und nichtbehinderten Kindern.

Andershausen kommt für die Kinder nicht unvorbereitet. In unterschiedlichen Workshops und Projekten haben sie sich vorbereitet. Sie konnten Institutionen und Einrichtungen, wie Bäckerei, Reinigungsfirma oder Restaurants, kennenlernen. Jedes Jahr gestalten sie die Währung Andershausens, den Quedel, neu. Sie lernen den konzeptionellen Unterschied zwischen Arbeit und Tätigkeit und deren unmittelbare Auswirkungen kennen. Diese komplexen Zusammenhänge werden besonders im Rahmen der Hortarbeit vor und nach Andershausen diskutiert und Vor- und Nachteile besprochen.

„Andershausen ist ein ganz besonderer Mikrokosmus mit knisternde Energie, wohltuende Spannung und Entspannung und alle Kinder haben jeden Tag verdammt viel Spaß!“, freut sich Anne Melz als Hauptkoordinatorin vom Kinder- und Jugendbüro der Welterbestadt Quedlinburg auf dieses Projekt. Aktuell sind 19 Institutionen und Vereine daran beteiligt. In den vier Tagen erwarten die Organisatoren etwa 1.200 Kinder. Aber auch die bei Organisation und Durchführung beteiligten Jugendlichen, etwa 60 Teamer und Teamerinnen, die zuvor bei der Stadt eine Juleica-Ausbildung abgelegt haben, können praktische Erfahrungen sammeln. Ihr Einsatz in Andershausen mündet oft in den Berufswunsch Erzieher/In bzw. zum Studium der Sozialpädagogik. Darüber hinaus sind 20 Betreuer für und in Andershausen tätig.

Termin: Dienstag, 15. Mai bis Freitag, 18. Mai
Ort: Ökogarten, Wipertistraße
Infos: www.quedlinburg.de

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